Fundstück des Monats Dezember 2018


Dieses Foto erschien zu Jahresende 1918 unter dem Titel „Die ersten Friedensweihnachten“ am Titelblatt der Zeitschrift „Das interessante Blatt“. Es zeigt den Eingangsbereich einer Wohnung, in der ein kriegsversehrter Soldat mit Augenbinde von einer Frau per Handschlag begrüßt wird. Der ärmliche Weihnachtsbaum und die leere Kartoffelschütte verweisen auf die damals herrschenden Versorgungsengpässe. Ein Kleinkind hat der Mann auf den Arm genommen, drei weitere Kinder beobachten die Szene interessiert, ein Bub zieht an der rechten Hand der Frau, als ob es sie zurückhalten wollte. Der Untertitel des Bildes lautete: "Weihnachtsfreude einer Wiener Familie, deren Vater als Soldat abgerüstet hat und nach leidensvoller Fahrt zu Frau und Kindern zurückkehrt." In der Geschichte, die im Blattinneren folgte, wurde auch die Entfremdung der Kinder gegenüber dem lange Abwesenden thematisiert: "Der kranke, bärtige Mann sollte der Vater sein?"

Fotografie 13x 17 cm, Signatur: 1/1416

BISHERIGE FUNDSTÜCKE:

Fundstück des Monats November 2018


Kurz vor der Volksabstimmung zur Inbetriebnahme des Kernkraftwerks am 5. November 1978 schickte der Rechtswissenschaftler und Soziologe Hans Zeisel seinem Jugendfreund Bruno Kreisky einen selbstgezeichneten Plakatentwurf. Darauf wurde Österreich eingerahmt von Ländern dargestellt, in denen bereits Atomreaktoren standen. Die Botschaft „Das können doch nicht lauter Teppen sein!“ sollte die Unentschiedenen dazu bewegen, für die friedliche Nutzung der Atomkraft zu stimmen. Zeisels Plakatidee wurde nicht verwirklicht, die Volksabstimmung ging mit einem knappen "Nein" (50,5% der Stimmen) gegen die Inbetriebnahme des Kernkraftwerks Zwentendorf aus.

Hans Zeisel wurde 1905 in Böhmen geboren und maturierte in Wien. Während des Studiums trat er der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei bei und schrieb Sportreportagen für die „Arbeiter-Zeitung“. Er arbeitete in der „Wirtschaftspsychologischen Beratungsstelle“ und im Projektteam von Paul Lazarsfeld und Marie Jahoda für die Studie „Die Arbeitslosen von Marienthal“. Anschließend war er als Rechtsanwalt tätig. Im März 1938 emigrierte er gemeinsam mit seiner Frau Elsa über London in die USA, wo er als Konsulent und Marktforscher tätig war und an der New School for Social Research in New York lehrte. 1953 übersiedelte er nach Chicago (Illinois), wo er ab 1953 Professor of Statistics, Law and Sociology an der University of Chicago war und 1974 emeritierte. Er starb 1992 in Chicago.

Plakatentwurf, 42x 30 cm, Signatur: X.3 Prominentenkorrespondenz, Box 66

Fundstück des Monats Oktober 2018


Aus Anlass der Freischaltung der Online-Edition der Tagebücher des ehemaligen Handelsministers Josef Staribacher präsentieren wir diese einmalige Quelle zur österreichischen Politik der Kreisky-Jahre. Die Tagebücher bestehen aus 20.000 maschinschriftlichen Manuskriptseiten, die Staribacher zwischen 1970 bis 1983 diktierte. Diese hochinteressante Quelle zur politischen und Wirtschaftsgeschichte der Zweiten Republik wurde vollständig digitalisiert und wird aktuell texterfasst. Unter dem link staribacher.acdh.oeaw.ac.at/index.html können Sie ab sofort nach bestimmten Tagen, Ereignissen, Personen und Orten suchen. Der Originaltext wird dabei gleichzeitig mit den Scans der Tagebuchseiten dargestellt, wodurch jede Unterstreichung und jeder handschriftliche Kommentar des Originals sichtbar ist. Das Projekt wird vom Jubiläumsfonds der Österreichischen Nationalbank finanziert und in Zusammenarbeit mit der Österreichischen Akademie der Wissenschaften durchgeführt.

Fundstück des Monats September 2018



Bruno Kreiskys diplomatische Karriere begann nach Ende des Zweiten Weltkriegs in Schweden, wohin er 1938 vor den Nationalsozialisten geflüchtet war. Nachdem er sich ab 1945 um die Rückkehr österreichischer Kriegsgefangener und die Organisation von Hilfstransporten gekümmert hatte, wurde Kreisky 1947 der österreichischen Gesandtschaft in Stockholm als Legationssekretär erster Klasse zugeteilt. Damit begann seine umfangreiche Reisetätigkeit, die in der politisch heiklen Besatzungszeit kompliziert und kostspielig war: Ein Ticket der Pan American Airways (Pan Am) von Wien nach Prag kostete, wie unser aktuelles Fundstück des Monats zeigt, 183 Dollar, was heute ungefähr 1.420 Euro entspricht. Da der damalige Flugplatz Wien Aspern in der sowjetischen Besatzungszone lag, starteten die Pan Am-Maschinen am Militärflugplatz Langenlebarn bei Tulln im amerikanischen Sektor.
1951 kehrte Kreisky mit seiner Familie endgültig von Stockholm nach Wien zurück. Zwei Jahre später wurde er zum Staatssekretär für auswärtige Angelegenheiten ernannt. Seine umfangreichen Berichte und Unterlagen aus dieser Zeit können Sie im Kreisky-Archiv einsehen.

Flugticket, 16x9 cm, Signatur: 16/23

Fundstück des Monats August 2018


„Hand in Hand durch Berg und Land“ lautete der Wahlspruch des 1885 in Wien gegründeten „Touristenverein die Naturfreunde“. Der spätere Staatskanzler und Bundespräsident Karl Renner entwarf das Vereinslogo mit drei Alpenrosen und dem Symbol des Handschlags als Zeichen der Solidarität. Ziel der Organisation war es, breiteren Bevölkerungsschicht naturnahe und kostengünstige Freizeit- und Reiseaktivitäten zu ermöglichen. Im Gegensatz zum Alpenverein, dessen Mitglieder einander mit „Berg Heil!“ begrüßten, lautete der Gruß der Naturfreunde „Berg frei!“ Auf Betreiben der Naturfreunde wurde das freie Wegerecht im Bergland nach dem Ersten Weltkrieg gesetzlich verankert. 1934 wurde der Verein in Österreich verboten und sein Vermögen beschlagnahmt. Nach dem Zweiten Weltkrieg widmeten sich die Naturfreunde verstärkt der Jugendbetreuung. Heute zählt der Verein 153.000 Mitglieder, die sich auf 9 Landes- und 460 Ortsgruppen verteilen und 150 Berghütten betreuen.

Fotografie, 13x18 cm, Signatur: 100/30

Fundstück des Monats Juli 2018


Die Massenproduktion von Konsumgütern wurde zu einem Symbol des „Wirtschaftwunders“, wie die unerwartet rasche positive Wirtschaftsentwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg bezeichnet wurde. Ermöglicht wurde es durch raschen technischen Fortschritt, sinkende Energiepreise und amerikanische Hilfsprogramme wie das „European Recovery Program“. Die Ernährungs- und Konsumgewohnheiten der Bevölkerung spiegelten die überwundene Krisenzeit und einen wiedergewonnenen bescheidenen Wohlstand: 1947/48 kam es zu einer „Esswelle“, danach zu einer „Bekleidungs- sowie Möblierungswelle“ (1949–1951). Später rückten langlebige Konsumgüter wie Kraftfahrzeuge und Elektrogeräte in den Blickpunkt des KäuferInneninteresses.

Mit den Frauen, die am Schaufenster eines Schuhgeschäfts vorbeigehen, fing der österreichische Fotograf Franz Hubmann (1914–2007) eine typische Alltagsszene ein. Hubmann dokumentierte in der von ihm gegründeten Zeitschrift magnum – die Zeitschrift für das moderne Leben das Alltagsleben in Großstädten wie Wien, Paris, Hamburg oder New York. Sein Durchbruch als Fotojournalist gelang ihm mit einer Fotoserie über das Wiener Café Hawelka.

Fotografie, 25x18 cm, Signatur: 10/820

Fundstück des Monats Juni 2018


Im Juni 1958 wurde das Wiener städtische Kinderfreibad Heiligenstadt, nahe dem Hang der Hohen Warte in Döbling gelegen, eröffnet. Die Besonderheit der Wiener Kinderfreibäder lag darin, dass sie nur an Wochentagen geöffnet hatten und ausschließlich Kindern zwischen sechs und vierzehn Jahren zugänglich waren. Erwachsene hatten keinen Zutritt. Die meisten Kinderfreibäder der Gemeinde Wien wurden in der Ersten Republik errichtet. Mit frischer Luft und Sonnenlicht sollte den damals weit verbreiteten Krankheiten Tuberkulose und Rachitis vorgebeugt werden. Die Kinderfreibäder bildeten einen Eckpfeiler des Bäderkonzepts des "Roten Wien". Sie wurden innerhalb des Stadtgebietes, meist in Parkanlagen, angelegt, um Stadtkindern im Sommer eine unentgeltliche Bademöglichkeit zu verschaffen. Der zunehmende Wohlstand und der Trend, die Sommerferien am Meer zu verbringen, führte in den 1970er Jahren dazu, dass einige Standorte kaum mehr benutzt und aufgelassen wurden. Ab Mitte der 1990er Jahre wurden die meisten Kinderfreibäder in Familienbäder umgebaut, zu denen auch Erwachsene (in Begleitung von Kindern) Zutritt haben. Heute ist Wien im weltweiten Vergleich die Hauptstadt mit den meisten Badeanstalten.

Fotografie, 13x18 cm, Signatur: 10/1050

Fundstück des Monats Mai 2018



Der Wiener Sepp Mair dokumentierte mit seiner Sammlung von Maiabzeichen, die er 1979 an Bundeskanzler Bruno Kreisky sandte, seine Treue zur Sozialdemokratie.

1890 wurde der 1. Mai in vielen Städten der Donaumonarchie erstmals als internationaler „Kampf- und Festtag“ feierlich begangen. Die organisierte Arbeiterschaft forderte eine Reduktion der täglichen Arbeitszeit auf acht Stunden sowie die Einführung des allgemeinen Wahlrechts. Die Aufmärsche wurden von Musikkapellen, Transparenten und roten Fahnen begleitet, rote Nelken und Maiabzeichen putzten die Festtagskleidung auf. 1919 beschloss die Nationalversammlung die Erhebung des 1. Mai zum "allgemeinen Ruhe- und Festtag". In der Ersten Republik entwickelten sich die Maiaufmärsche vor allem im „Roten Wien“ zu machtvollen Demonstrationen der sozialdemokratischen Partei. Die Parteimitglieder, in einzelnen Sektionen organisiert, sammelten sich in ihrem jeweiligen Bezirk und marschierten gemeinsam über den Ring bis zum Rathausplatz, wo die feierliche Schlusskundgebung stattfand. 1933 verbot die Regierung Dollfuß die Straßendemonstrationen und funktionierte den 1. Mai zum "Tag der Verfassung" um. Während des Nationalsozialismus wurde der 1. Mai "Tag der deutschen Arbeit" genannt. Als am Ende des Zweiten Weltkriegs im Westen Österreichs noch gekämpft wurde, kam es im bereits befreiten Wien zu spontanen 1.-Mai-Demonstrationen. In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelten sich die Maiaufmärsche zu einer Plattform für sozialpolitische Anliegen und zum Forum innenpolitischer Auseinandersetzungen. Bis heute sind Maiabzeichen beliebte Sammlerstücke.

Fahne , 40x35 cm, Signatur: M.70

Fundstück des Monats April 2018

Plakat 1948


Mit diesem Plakat appellierte die Austria Tabak AG 1948 an den österreichischen Patriotismus, um den Schwarzmarkt bei Zigaretten einzudämmen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg waren Lebensmittel und Güter des täglichen Bedarfs nur gegen Lebensmittelmarken und in geringen Mengen legal in Geschäften erhältlich. Neben diesem legalen Markt entwickelte sich ein illegaler Schwarzmarkt, auf dem alle Güter erhältlich waren, allerdings zu stark überhöhten Preisen oder gegen Bezahlung in Zigaretten. Der Schwarzmarkt verschwand erst nach der Währungsreform 1948, als die staatliche Reglementierung abgeschafft und dadurch Marktpreisbildung möglich war.
Die „Österreichische Tabakregie“ wurde 1784 unter Kaiser Joseph II. gegründet und besaß das staatliche Tabakmonopol der Habsburgermonarchie. Es diente unter anderem der Versorgung von Kriegsinvaliden, die bei der Zuteilung von Trafiken bevorzugt wurden. 1864 wurden die ersten Regiezigaretten gedreht. 1898 eröffnete die Tabakfabrik Ottakring, eine der damals zwei Tabakhauptfabriken in Wien. 1911 wurde eine zusammenfassende Verordnung über Besetzung, Neuerrichtung und Auflassung von Tabakwaren-Verschleißgeschäften erlassen, die bis 1949 Grundlage des staatlichen Tabakmonopols war.

Fotografie, 12x18 cm, Signatur: 100/12

Fundstück des Monats März 2018

Flugblatt 1848


Das Flugblatt erschien im Revolutionsjahr 1848 und richtete sich an "Euer Majestät!". In dem vierseitigen Dokument wurde auf Grund der „unläugbaren, unveräußerlichen, angeborenen und unvertilgbaren Rechte des weiblichen Geschlechts" das aktive und passive Wahlrecht für Frauen gefordert. Das Revolutionsjahr 1848 bedeutet den Beginn einer Entwicklung des Wahlrechts in der habsburgischen Monarchie, das auch einigen Frauen ein Stimmrecht einräumte. Bis 1906 war Besitz für das Wahlrecht ausschlaggebend. Steuerzahlende Frauen waren auf Gemeinde- und Landtagsebene u.U. wahlberechtigt. Für die wichtigste politische Körperschaft, den Reichsrat, waren Frauen jedoch nicht wahlberechtigt, außer sie waren Großgrundbesitzerinnen und ließen sich bei der Wahl von einem männlichen Bevollmächtigten vertreten.
Von der Forderung des Flugblattes bis zur Umsetzung des gleichen und allgemeinen aktiven und passiven Wahlrechts für Frauen und Männer auf allen politischen Ebenen sollte es noch 70 Jahre dauern.

Das Originalflugblatt wird ab März 2019 in einer in Kooperation mit dem Kreisky-Archiv kuratierten Ausstellung zum Frauenwahlrecht im Volkskundemuseum Wien zu sehen sein.

Flugblatt 1848, 29x19 cm, Signatur: 5/104

Fundstück des Monats Februar 2018

Illegal gedruckter Streuzettel 1934


Nach dem Zusammenbruch der Habsburgermonarchie 1918 übernahm die Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP) eine führende Rolle bei der Gründung der Republik. Vor allem in der Bundeshauptstadt Wien und einigen österreichischen Industriegegebieten erhielt sie die absolute Mehrheit und bildete einen erklärten Gegenpol zur konservativ dominierten Bundespolitik.
1924 wurde der Republikanische Schutzbund als paramilitärische, waffenführende Organisation gegründet. Nach blutigen Zusammenstößen mit der rechtsgerichteten Heimwehr radikalisierte sich das innenpolitische Klima. Am 31. März 1933 verbot die Regierung Dollfuß den Republikanischen Schutzbund, es hielten sich jedoch halblegale „Ordnergruppen". Am 12. Februar 1934 kam es in mehreren Industriegebieten und in Wien zum offenen Bürgerkrieg, der insgesamt mehrere hundert Todesopfer forderte. In der Folge wurden die SDAP und sämtliche ihr nahestehenden Organisationen verboten und ihre führenden Funktionäre und Funktionärinnen verhaftet. Zahlreiche Sozialdemokraten und Sozialdemokratinnen setzten ihr politisches Engagement in der Illegalität fort. Dazu gehörte neben der Organisation geheimer Treffen und der finanziellen Unterstützungen der Familien verhafteter Schutzbündler auch das Verteilen kleiner Streuzettel als "Lebenszeichen" der verbotenen Bewegung.
Diese Streuzettel wurden nach dem Verbot der sozialdemokratischen Partei am 12. Februar 1934 heimlich in den Straßen verteilt und auf Litfaßsäulen geklebt.

Aus: Fotosammlung, Streuzettel 1934, 12x4 cm, Signatur: 5/106

Fundstück des Monats spezial zum 107. Geburtstag Bruno Kreiskys Jänner 2018

Heimatschein Bruno Kreiskys


Zum 107. Geburtstag Bruno Kreiskys am 22. Jänner zeigen wir den Heimatschein Bruno Kreiskys, den er vermutlich für seine Inskription an der Universität Wien benötigte und der am 3. Oktober 1929 vom Wiener Magistrat auf den Namen „Kreiski“ ausgestellt wurde.

Der Heimatschein, der in der Habsburgermonarchie ab dem Provisorischen Gemeindegesetz vom 17. März 1849 von den jeweiligen Heimatgemeinden ausgestellt wurde, diente zum Nachweis über den Besitz des Heimatrechtes. Damit verband sich der eventuelle Anspruch auf Armenversorgung durch die Heimatgemeinde. Im Nationalsozialismus wurde der Heimatschein durch den Staatsbürgerschaftsnachweis ersetzt, der auch in der Zweiten Republik beibehalten wurde.

Aus: Bestand I.1. Familie, Kindheit, Jugend, Exil, Box 5

Fundstück des Monats Jänner 2018

Gefängnistagebuch Bruno Kreiskys


1927 war der damals 16-jährige Bruno Kreisky, ein Gymnasiast aus gutem Hause, in die Sozialistische Arbeiterjugend eingetreten. Knapp sieben Jahre später, im Februar 1934, wurde die Sozialdemokratische Partei und ihre Organisationen verboten und der politische Aufstand gegen das autoritäre Dollfuß-Regime blutig niedergeschlagen. Unter den Funktionären machte sich Resignation und Verzweiflung breit: „Das, was ich für meine Welt hielt, war zusammengebrochen“, schrieb der damals 23-jährige Jusstudent rückblickend. Dennoch setzte er seine politische Tätigkeit fort und wurde Gründungsmitglied der „Revolutionären Sozialisten“.

Am 30. Jänner 1935 wurde Kreisky wegen des Verdachts des Hochverrats verhaftet und ins Wiener Polizeigefangenenhaus gebracht. Er musste eine Einzelzelle mit mehreren Häftlingen teilen und litt unter den schlechten hygienischen Bedingungen. Nach fünf Monaten Haft, am 27. Juni 1935, begann Kreisky ein selbstgenähtes Tagebuch zu schreiben. Er betrachtete es als „Begleiter“ für die „kommenden Tage“ der Haftzeit, den er sich aus dem Bedürfnis nach Abstand zum Erlebten, nach Klarheit in einer von Ungewissheit und Repression beherrschten Lage zugelegt hatte. Der „unverbesserliche Optimist“ Kreisky sprach sich in seinen Aufzeichnungen selbst Mut zu, schrieb aufmunternde Gedichte und Listen mit Büchern, die er noch lesen wollte. Außerdem bereitete er seine Verteidigungsrede vor, in der er sich zu den Ideen des Sozialismus bekannte. Am 16. März 1936 wurde Kreisky wegen Hochverrats zu einem Jahr Kerker verurteilt.

Sein Gefängnistagbuch wurde 2009 von Ulrike Felber unter dem Titel „Auch schon eine Vergangenheit“ herausgegeben und kann zum Preis von 15 Euro (11 Euro für Mitglieder) bestellt werden.

Aus: Bestand I.1. Familie, Kindheit, Jugend, Exil, Box 7

Fundstück des Monats Dezember 2017

Gesprächsprotokoll aus den Moskauer Staatsvertragsverhandlungen Mai 1955


Der österreichische Botschafter in Moskau, Norbert Bischoff, hatte im Zuge der Staatsvertragsverhandlungen mit Bundeskanzler Julius Raab, Bruno Kreisky (Staatssekretär für auswärtige Angelegenheiten) und Vizekanzler Adolf Schärf unter anderem auch protokollarische Fragen zu klären.

Aus: VII.2 BKAA (1953-Juni1959) Staatsvertrag Box 2 (Neutralität), Mappe Staatsvertrag Moskau, Mappe „Einfügungen St.S.Dr. Kreiskys“

Fundstück des Monats November 2017

Ehrenbürgerurkunde der Gemeinde Zwentendorf an der Donau für Bundesminister für auswärtige Angelegenheiten Dr. Bruno Kreisky für seine Verdienste um die Wiedererrichtung einer Industrie in der Gemeinde vom 23. April 1961


Bruno Kreisky war dem Land Niederösterreich seit seiner Jugend eng verbunden. Bereits 1930 war er zum Vorsitzenden einer niederösterreichischen Regionalorganisation (Purkersdorf, Klosterneuburg und Tulln) der Sozialistischen Arbeiterjugend gewählt worden. Nach seiner Rückkehr aus dem schwedischen Exil wurde er 1956 wurde er als Nachfolger Oskar Helmers für Niederösterreich nominiert und im Wahlkreis St. Pölten zum Abgeordneten gewählt. 1966 wurde Kreisky Parteiobmann der SPÖ Niederösterreich. In seiner Amtszeit wurde die „Erste Niederösterreichische Raumordnungskonferenz“ in Krems durchgeführt.

Der Bau eines Kernkraftwerkes in Zwentendorf an der Donau wurde im Jahr 1969 von der damaligen ÖVP-Alleinregierung Klaus II. beschlossen. 1972 – Bruno Kreisky regierte zu diesem Zeitpunkt mit absoluter Mehrheit – begannen die Bauarbeiten. Ab 1975 etablierte sich in Österreich eine breite Anti-Atomkraft-Bewegung. Ende 1977 positionierte sich auch die ÖVP, die die Nutzung der Kernenergie grundsätzlich befürwortete, gegen das Kraftwerk Zwentendorf. In dieser Situation entschied der SPÖ-Parteivorstand, dass diese Frage einer Volksabstimmung unterzogen werden sollte, was Atomkraftgegner schon länger gefordert hatten. Im Wahlkampf vor der Abstimmung sprachen sich die SPÖ und die Sozialpartner für die Inbetriebnahme aus, während Anti-Atomkraft-Gruppen und zahlreiche Prominente – darunter auch viele SPÖ-Sympathisanten – gegen die Inbetriebnahme waren und vor den Risiken der Atomkraft warnten. Die Abstimmung fand am 5. November 1978 statt und ging mit einem knappen "Nein" (50,5% der Stimmen) gegen Zwentendorf aus. Im Dezember 1978 wurde im Nationalrat das Atomsperrgesetz beschlossen. Trotz der Zwentendorf-Niederlage blieb Kreiskys Popularität ungebrochen: Bei den Nationalratswahlen 1979 erreichte die SPÖ 51,03% der Stimmen, das beste Ergebnis in der Parteigeschichte.

Fundstück des Monats Oktober 2017

Wandzeitung der SPÖ Nr.512/1990, Signatur 100/212


Mit dem Fundstück des Monats Oktober gratuliert das Kreisky-Archiv Altbundeskanzler Dr. Franz Vranitzky!

Anlässlich des 80. Geburtstags von Altbundeskanzler Dr. Franz Vranitzky am 4. Oktober präsentierten der Obmann des Kreisky-Archivs Stadtrat Dr. Michael Ludwig und die wissenschaftliche Leiterin Univ.-Doz. Dr. Maria Mesner unser „Fundstück des Monats“ Oktober.

Bei der Nationalratswahl am 7. Oktober 1990 warb die SPÖ mit ihrem Spitzenkandidaten, dem amtierenden Bundeskanzler Franz Vranitzky. Die SPÖ konnte mit 42,8 Prozent der abgegebenen Stimmen ihre Mandatszahl halten. Starke Verluste von minus 9,2 Prozentpunkten musste die ÖVP unter Josef Riegler hinnehmen. Von ihren Einbußen profitierte die FPÖ, die mit ihrem Spitzenkandidaten Norbert Gugerbauer 6,9 Prozentpunkte hinzugewann. Die Grüne Alternative schaffte mit 4,8 Prozent und Johannes Voggenhuber erneut den Einzug in den Nationalrat. Die Wahlbeteiligung sank gegenüber der Nationalratswahl 1986 um 5,67 auf 83,58 Prozent.

Das Plakatarchiv des Kreisky-Archivs umfasst rund 2.000 Plakate seit 1945 und ist nach Voranmeldung öffentlich zugänglich. Auf Wunsch werden auch Reproduktionen angefertigt.

Der Vorlass von Altbundeskanzler Dr. Franz Vranitzky wird ebenfalls im Kreisky-Archiv aufbewahrt. Aufgrund des seit 1.1.2000 gültigen Archivgesetzes ist er einer 30-jährigen Archivsperre unterworfen und deshalb nicht öffentlich zugänglich.

Fundstück des Monats September 2017

Puppe in der Ausstellung "Hilfe! Armut in der Vorstadt"


Diese Puppe wurde 1914 einem Ottakringer Arbeiterkind vom "Verein Wiener Settlement" geschenkt.
Neben der Bildungsarbeit konzentrierte sich der Verein auf Kinder- und Jugendfürsorge, leistete aber auch Schwangeren- und Alkoholikerberatung sowie Obdachlosenbetreuung.

2016 war diese Puppe in der vom Kreisky-Archiv kuratierten Ausstellung "Hilfe! Armut in der Vorstadt" im Ottakringer Bezirksmuseum zu sehen. Die Ausstellung war das Endergebnis eines vom Bundesministerium für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft geförderten Sparkling Science-Projekts „Melting Pot!? Sozialräumliche Umstrukturierungsprozesse in Ottakring“. Gemeinsam mit einer Schulklasse des GRG 16 Maroltingergasse wurde über zwei Jahre zur Wiener Vorstadt in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts geforscht und als Abschluss eine Ausstellung im Bezirksmuseum Ottakring gestaltet.

Kooperationspartner war die Sammlung Frauennachlässe am Institut für Geschichte der Universität Wien und das Bezirksmuseum Ottakring.

close zoom image loading image
X
<
>